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Tuesday, 14. February 2006


Podiumsdiskussion: Kunst und Wirtschaft - wer macht die Kunst; DEPOT.


Ein Gespenst geht um, es ist die Kunstmaklerin, sie hilft dem Dreamteam Wirtschaft und Kunst zu verschmelzen. Der Virus hat auch Professoren und Kunsthochschulen, Universitäten und Akademien infiziert; Rektoren und Kuratoren schon immer.
Schon in der Ankündigung hieß es, dass jene spezialisierten Netzwerker versuchen das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Kunst zu optimieren, um den Austausch von Kapital möglichst reibungslos zu gestalten.
Diese anmaßende Ankündigung trieb uns schon im Vorhinein zu Ideen, wie wir uns verhalten werden, wenn dieses oder jenes - passiert. Eigentlich wollten wir rausfliegen.
Wir bereiteten uns dann aber nicht bestimmt vor, auch nicht auf Debatten - wir bewaffneten uns nicht mit Wissen. Wir wollten wissen was diese Leute verbreiten.
Am besagten Tag der Podiumsdiskussion trafen wir per Telefon die Abmachung; wann, wo und was? 15 Minuten vor Beginn bei der Podiumsdiskussion, Klaus nimmt Kleingeld mit.
Das war´s.
Sieben Uhr, Klaus ist nicht hier; ich setze mich alleine in eine der hinteren Reihen, wo ich fast alle Leute sehen kann. Als die Vertreterin des DEPOT´s die Veranstaltung eröffnet, bin ich noch immer alleine. Ich denke, dass ich keine Aktion mache mit den mitgebrachten Dosen, die ich zuvor aus dem Müll herauskramte. Der Raum ist schon fast voll, neben mir sitzt ein Typ mit einem Buch namens, Die Abschaffung der Mittelschicht - nie gehört, aber hat was. Er liest darin und manchmal hört er zu.
Ich war schon zehn Minuten vorher hier und hatte noch mein Glas Leitungswasser neben mir. Ich trinke es aus, da kommt Klaus soeben herein. Er will mir die Hand reichen als würde er mir die Hand schütteln wollen, aber er wollte mir nur leise die Münzen in die Hand drücken.
Die Moderatorin hat die Einleitung hinter ihr; Klaus hat nichts versäumt, außer die Begrüßung des Podiums, die Wiederholung der Ankündigung und noch ein paar andere Höflichkeiten. Wie immer.
Es ging zwar um das Dremteam Wirtschaft und Kunst, aber es schien eher als wären die Vertreterinnen der Künstler, - also Christina Haupt-Stummer, von section.a und Brigitte Kössner, von der Initiative Wirtschaft und Kunst - und die Moderatorin das Dreamteam; nicht nur des Abends, sondern auch allgemein. Kunstmaklerinnen und Journalisten könnte ich mir zumindest besser als Dreamteam vorstellen, aber gut. Die Kunstmaklerinnen wollten vorerst nicht von Kultur sprechen.
Nach einer Weile war mir schon fast übel von dem Gesülze, wie schön Kunst und Wirtschaft nicht funktioniert. Ich ließ meine ersten Groschen fallen, direkt in mein leeres Glas Wasser, aber das Schönreden der Podiumsgäste hörte nicht auf. Wie immer.
Klaus beginnt in der ersten Reihe einige Münzen auf den Boden zu werfen. Das Publikum findet die Sache wohl amüsant und bleibt gespannt sitzen. Wie immer.
Das Gesülze am Podium hat kein Ende. Die Moderatorin stellt eine belanglose Frage nach der anderen. Schon etwas peinlich, reden sie weiter als ob nichts passiert wäre. Sie fühlen sich nicht gestört. Wie immer.
Abwechselnd lassen wir unsere Münzen fallen. Da war es dann zuviel und das Podium wandte sich an uns. Schließlich fand es das Publikum so unterhaltsam, dass ihr Gesülze im Gelächter unterging. Wir sagen nichts. Schließlich wurde ja am Beginn der Podiumsdiskussion ausdrücklich gesagt, dass eine Diskussion erst später stattfindet. Was wollen sie also dachte ich mir. Sie versuchten wieder weiterzureden, als ob nichts geschehen wäre. Wie immer.
Die Moderatorin vom Standard wendet sich zu ihrer Rechten, an den auch am Podium sitzenden Soziologen Ulf Wuggenig: „Wie würden sie den Kunstmarkt analysieren?“ Jener zieht einen Vergleich, der nicht weniger treffend hätte formuliert werden können. Mit seiner gelassenen Stimme meinte er: „Mit der Kunst verhält es sich ähnlich, wie mit dem Sport. Der Erfolg der Wenigen, ist die Hoffnung der Vielen.“
Da hat er der Moderatorin, aber auch den anderen Podiumsgästen einen gehörigen Schlag verpasst - so wirkte es zumindest. Die Moderatorin richtet das Wort an Haupt-Stummer: „Wie verteilen sie ihre Sponsorgelder an ihre Künstler?“
„Wir stimmen basis-demokratisch ab, wir verteilen sie nach Interessen und Bedürfnissen.“, antwortete sie mit einem Lächeln im Gesicht, als ob sie sagen will wie politisch korrekt sie nicht ist.
Eine Stimme aus dem Publikum: „Nach welchen Interessen und Bedürfnissen?“
„Nach unseren und der der Künstler.“
Ich wusste nicht wovon sie sprach, jedenfalls dachte ich mir, dass ich es nicht wissen will. Und wenn sie über sich selbst spricht dann sollte es womöglich ein Witz sein; Demokratiebewusstsein predigen und gleichzeitig auf dem Podium sitzen - schöne Worte.
Die Rederei des Podiums hat kein Ende. Wieder irgendwelche selbst verherrlichende Scheisse; Statistiken über erfolgreiche Projekte ihrer Künstler. Wie immer.
Ihre Illusionen die sie uns weiß machen wollen, fast wie Sektenführer in Gruppenworkshops; strahlendes Gesicht, gestylte Menschen, schöne Sprache, überzeugt und selbstbewusst; und die ganze Zeit das typische Frage-Antwort Spiel mit der Moderatorin.
„Uah, Uah, Uah, Uah, Uah; - Uahh, Uahh, Uahhh, …“, beginne ich zu verlautbaren, wobei ich mein Glas mit Münzen in die Hände nehme und kräftig schüttle. Ich wurde lauter und lauter meine Wut entfaltete sich in den geschrieenen Satzfetzen: „Ihr seid doch alle nur Betrüger! Das ist offizielle Korruption! Kunst zu vermarkten ist Betrug! Kunst ist Betrug! - Korruption!“
Als ich mich wieder setzte fragt die Moderatorin, ob ich nun fertig sei mit der Performance. Ich bleib still. Als sie fortfährt schrei ich wieder irgendwelche Laute, - ich hab Spaß daran gefunden. Sie fühlen sich etwas verarscht, aber wollen die Diskussion normal weiterführen. Wie immer.
Langsam kommen Fragen aus dem Publikum an die Podiumsteilnehmer. Es kommt zu Grundsatzdiskussionen über Kunst und Kunstmarkt und geht über in ein Gejammer von bildenden Künstlern, die sich über zu hohe Subventionen für Theater und Opernhäuser, den gemeine Staat, die gierigen Sponsoren, die knauserigen Hochschulen und Universitäten und so weiter rechtgeben. Eine ganze Palette Sulz, die sie sich als wohlgemerkte Kritik am Kunstmarkt um ihre verklebten Mäuler schmierten. So wie immer.
Ich kann es kaum fassen, es hat nichts gebracht. Fast nichts, außer einem heiteren Selbsthilfegruppentherapiegespräch bildender Künstler. Klaus meinte noch: „Ihr seid doch alles nur Hofnarren, und macht den Hof zur Narrenkultur!“ Aber eigentlich machten wir den Hof für die Narren.
Dann gingen wir nach Hause. Und so laufen wir heute noch unseren Illusionen und unserer Berufung nach.

Franz Hofmacher, Feb. 2006



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